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Sensation: Erster Weißer wird schwarz!

Geht ja gar nicht, denken Sie sich. Doch, sag ich, der hat sich einfach in die Sonne gelegt. Und jetzt fragen Sie sich mal, warum diese Antwort nicht absurd ist.

Es ist noch nicht lange her, es war der 1. Juni 2012. Ein prächtiger Tag im Zeitalter modernster Wissenschaft. Man denke nur mal an die Väter der Aufklärung, an Diderot und Newton, an Voltaire oder Leibniz, wie sie die Früchte ihres unermüdlichen Einsatzes bestaunen würden, könnten sie einen Blick auf diese ihnen nachfolgende goldene Epoche der Rationalität und Vergötterung der Naturwissenschaft werfen: das 21. Jahrhundert. Was würden die weinen vor Glück. Wahrscheinlich würden sie auch Spiegel Online lesen, das Zentralorgan postmodernen Aufklärertums. Da hätten sie an besagtem Junitag folgende sensationelle Meldung erblickt: „Baden-Württembergs erster schwarzer Bürgermeister. Wie Komissar Ehret Geschichte schreibt“.(http://www.spiegel.de/politik/deutschland/baden-wuerttemberg-john-ehret-ist-der-erste-schwarze-buergermeister-a-836281.html)

Besagter John Ehret hat es also tatsächlich geschafft. Er ist nun Bürgermeister in Heidelberg. Obwohl er schwarz ist. Wie konnte so etwas passieren, fragen Sie sich. Frage ich mich auch. Gehen wir der Sache mal auf den Grund.

Was ist eigentlich ein Schwarzer? Der Artikel suggeriert eindeutig, dass es was mit der Hautfarbe zu tun haben muss. Geflissentlich wird hier Ehret selbst zitiert: er selbst habe nie Probleme wegen seiner Hautfarbe gehabt. Ehrlich gesagt wäre das auch sehr verwunderlich. Auf dem abgebildeten Foto jedenfalls sieht Herr Ehrets Teint eher blässlich aus. Eindeutig braun zwar im Grundton. Aber meine Freundin hat nach ein paar Stunden Balkonbraten eine dunklere Haut. Wie kommt Spiegel Online also darauf, Herr Ehret sei ein Schwarzer? Aha, ein Hinweis findet sich etwas weiter unten im Text: sein Vater war US-Amerikaner. Und Schwarzer. Die Mutter eine gebürtige Deutsche. Schwarzsein hat also primär nichts mit der Hautfarbe zu tun, sondern mit der Abstammung. Kinder von Schwarzen sind demnach auch schwarz, auch wenn sie irgendwie gar keine schwarze Haut haben. Das riecht doch eindeutig nach einem Rasse-Konzept. Als würde die Geburt festlegen, zu welcher Gruppe Mensch man gehört. Als hätte man keine Wahl.

Ein solches Denken stammt aus den dunkelsten Kapiteln wissenschaftlicher Idiosynkrasie. Die moderne Genetik belegt schon seit langem, dass eine jegliche Einteilung von Menschen in verschiedene ethnische Gruppen jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehrt. Die Biologie ist da ganz eindeutig: es gibt keine Menschenrassen. Weil wir alle gleich sind. Oder genauer: weil jeder Einzelne unendlich verschieden von jedem anderen ist. Dass ein Nachrichtenportal wie Spiegel-Online von Schwarzen redet und es sich auch noch explizit zur Aufgabe macht, einen derart belanglosen Aspekt wie die Hautfarbe eines Menschen mit einer persönlichen Leistung in Verbindung zu bringen, ist nichts weiter als ein Skandal.

Wenn es in diesem Artikel allerdings nur darum gehen sollte hervorzuheben, dass es in Baden-Württemberg noch nie zuvor einen Bürgermeister mit dunklerer Hautfarbe gegeben hat, dann wäre wohl nur die Wortwahl dieses Artikels anzuprangern. Und natürlich, dass der Artikel dann etwas uninteressant und wahrscheinlich sogar falsch ist. Ob es mal einen Bürgermeister mit dunklerer Hautfarbe gab, wäre jedenfalls empirisch leicht zu entscheiden. Zugegebenermaßen hat Herr Ehret die Latte in dieser Kategorie nicht besonders hoch gelegt.

Wenn der Artikel sich aber zur Aufgabe machte, einen immer noch bestehenden Misstand in unserer Gesellschaft zu thematisieren, dann ist die Wortwahl nicht nur schlecht, sondern fatal. Schon allein die Überschrift suggeriert, dass Schwarzsein eine Eigenschaft ist, die Menschen voneinander trennt. Hier die Weißen, da die Schwarzen. Das große Problem dabei ist, dass es einem nicht auffällt. Dabei ist der gefährlichste Rassismus doch der, der einem nicht bewusst ist.

Zum Schluss also noch die kleine Testfrage für den unbewussten Rassisten: wie lange müssen Sie sich in die Sonne legen, um schwarz zu werden?

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