Higgs vs. ESM oder: das Universum und die Finanzkrise

Schon seit Wochen ist die Welt der Physiker in heller Aufregung. Zumindest die Welt derjenigen, die sich eingehend mit den grundlegenden Eigenschaften von Materie befassen. Der Teilchenbeschleuniger im CERN hat Evidenz dafür geliefert, dass Peter Higgs vor 48 Jahren wahrscheinlich richtig lag: im Standardmodell für die Zusammensetzung von Materie ist ein Teilchen nötig, das den anderen ihre Masse verleiht: das sogenannte Higgs-Teilchen. Es war lange Jahre der fehlende Baustein, um das Universum vollständig zu beschreiben. Dass es tatsächlich gefunden wurde, sind die entsprechenden Wissenschaftler allerdings bemüht zu verneinen. Die Beweise sind noch nicht hinreichend. Allerdings äußerten sich mehrere Nobelpreisträger bereits relativ euphorisch über die Entdeckung. Man kann zu diesem Zeitpunkt also festhalten, dass es über die bestätigende Kraft der Experimente im CERN eine skeptische Haltung, über die Rolle des Higgs-Teilchens und vor allem die Vorhersage Peter Higgs‘ Einigkeit besteht: das Standardmodell der Teilchenphysik ist nur durch dieses letzte Elementarteilchen zu retten.

Was wäre es schön, wenn Wirtschaftswissenschaftler auch einmal eine solche Aussage treffen würden. Oder auch nur ein Standardmodell hätten. Oder wenigstens irgendein halbwegs zuverlässiges Prognosesystem für Finanzkrisen. Aber nein, weit gefehlt. Dieser Tage könnte man den Eindruck bekommen, die großen Herren aus der Wirtschaft hätten von ihrer Welt genau so viel Ahnung wie Aristoteles seinerzeit von der Quantenmechanik.

Fest steht, dass sich das Bankensystem weg von einer kleinen eigenen Welt, hin zu einem völlig undurchsichtigen Universum entwickelt hat. Da gibt es öffentliche und private Kreditinstitute, Zentralbanken, Geschäftsbanken, Investmentbanken, die Weltbank, internationale Währungsfonds, Investmentfonds, Hedgefonds, Stabilitätsfonds, Rettungsschirme wie den ESM etc. Es gibt sogar eine extra Bank der Zentralbanken der Welt, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Und alle schulden sich gegenseitig Geld. Es ist vollkommen überflüssig zu erwähnen, welche weiteren endlosen Werkzeuge der Geldumverteilung existieren. Mir als Laie kann das ja auch egal sein. Was uns jedoch nicht egal sein kann, ist die Tatsache, dass anscheinend niemand mehr einen Durchblick hat, wie dieses System überhaupt funktioniert.

Warum stellt sich niemand vor die Klasse und spricht es aus: wir haben keine Ahnung wie die Finanzkrise entstanden ist und haben auch keinen blassen Schimmer, wie man sie lösen kann.

Stattdessen aber rotten sich Gruppen von Ökonomen zusammen und schreiben offene Briefe gegen die jeweils anderen Gruppen. Wie süß. Und lächerlich. Alle haben panische Angst, Geld zu verlieren, wissen aber gleichzeitig nicht, wieso sie Geld verlieren. Scheinbar gibt es über die Fragen der Finanzkrise soviele Antworten wie über Gott und Religion.

Als Bürger dieser wunderbaren europäischen Union müssen wir der Wahrheit einmal ins Auge schauen: wir haben ein Finanzsystem erschaffen, dessen Dynamik und Komplexität unsere Intelligenz vollkommen übersteigt. Währenddessen entdecken Physiker das Higgs-Teilchen. Es scheint also leichter zu sein, die elementarsten Bausteine des Universums zu entschlüsseln als die Frage zu klären, welche Folgen etwa ein Staatsbankrott Griechenlands für den deutschen Finanzhaushalt hätte. Oder wie hoch gemeinsame Schulden in einer Währungsunion sein dürfen. Ob man private Banken mit Staatsgeld retten soll. Oder ob Deutschland für die Schulden ausländischer Banken haften muss. Und damit hat man die wirklich schwierigen Fragen noch gar nicht angesprochen.

Was also tun, als kleiner Bürger und Finanzlaie? Man kann wohl aus den letzen Monaten und Jahren nur den Schluss ziehen, den Wirtschaftsexperten und Bankenaufsehern mit einem extremem Skeptizismus zu begegnen. Weil sie einfach keine Ahnung haben. Weil leider niemand eine hat. Während die Naturwissenschaften überbordende Erfolge feiern, deckt die Finanzkrise die verheerendste intellektuelle Krise der Wirtschaftswissenschaften seit ihrer Entstehung auf. Man muss sich radikal der Tatsache bewusst werden, dass unsere Welt von einem System beherrscht wird, dem wir vollkommen hilflos gegenüberstehen. Was sollen wir tun, wenn nicht einmal unsere Wissenschaftler es verstehen? Wir wissen nur, dass wir dieses System selbst erschaffen haben. Im Moment sieht es so aus, als würde es langsam zusammenbrechen. Warum stellt also niemand die wirklich entscheidende Frage:

Retten wir uns selbst, wenn wir das System retten?


Sensation: Erster Weißer wird schwarz!

Geht ja gar nicht, denken Sie sich. Doch, sag ich, der hat sich einfach in die Sonne gelegt. Und jetzt fragen Sie sich mal, warum diese Antwort nicht absurd ist.

Es ist noch nicht lange her, es war der 1. Juni 2012. Ein prächtiger Tag im Zeitalter modernster Wissenschaft. Man denke nur mal an die Väter der Aufklärung, an Diderot und Newton, an Voltaire oder Leibniz, wie sie die Früchte ihres unermüdlichen Einsatzes bestaunen würden, könnten sie einen Blick auf diese ihnen nachfolgende goldene Epoche der Rationalität und Vergötterung der Naturwissenschaft werfen: das 21. Jahrhundert. Was würden die weinen vor Glück. Wahrscheinlich würden sie auch Spiegel Online lesen, das Zentralorgan postmodernen Aufklärertums. Da hätten sie an besagtem Junitag folgende sensationelle Meldung erblickt: „Baden-Württembergs erster schwarzer Bürgermeister. Wie Komissar Ehret Geschichte schreibt“.(http://www.spiegel.de/politik/deutschland/baden-wuerttemberg-john-ehret-ist-der-erste-schwarze-buergermeister-a-836281.html)

Besagter John Ehret hat es also tatsächlich geschafft. Er ist nun Bürgermeister in Heidelberg. Obwohl er schwarz ist. Wie konnte so etwas passieren, fragen Sie sich. Frage ich mich auch. Gehen wir der Sache mal auf den Grund.

Was ist eigentlich ein Schwarzer? Der Artikel suggeriert eindeutig, dass es was mit der Hautfarbe zu tun haben muss. Geflissentlich wird hier Ehret selbst zitiert: er selbst habe nie Probleme wegen seiner Hautfarbe gehabt. Ehrlich gesagt wäre das auch sehr verwunderlich. Auf dem abgebildeten Foto jedenfalls sieht Herr Ehrets Teint eher blässlich aus. Eindeutig braun zwar im Grundton. Aber meine Freundin hat nach ein paar Stunden Balkonbraten eine dunklere Haut. Wie kommt Spiegel Online also darauf, Herr Ehret sei ein Schwarzer? Aha, ein Hinweis findet sich etwas weiter unten im Text: sein Vater war US-Amerikaner. Und Schwarzer. Die Mutter eine gebürtige Deutsche. Schwarzsein hat also primär nichts mit der Hautfarbe zu tun, sondern mit der Abstammung. Kinder von Schwarzen sind demnach auch schwarz, auch wenn sie irgendwie gar keine schwarze Haut haben. Das riecht doch eindeutig nach einem Rasse-Konzept. Als würde die Geburt festlegen, zu welcher Gruppe Mensch man gehört. Als hätte man keine Wahl.

Ein solches Denken stammt aus den dunkelsten Kapiteln wissenschaftlicher Idiosynkrasie. Die moderne Genetik belegt schon seit langem, dass eine jegliche Einteilung von Menschen in verschiedene ethnische Gruppen jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehrt. Die Biologie ist da ganz eindeutig: es gibt keine Menschenrassen. Weil wir alle gleich sind. Oder genauer: weil jeder Einzelne unendlich verschieden von jedem anderen ist. Dass ein Nachrichtenportal wie Spiegel-Online von Schwarzen redet und es sich auch noch explizit zur Aufgabe macht, einen derart belanglosen Aspekt wie die Hautfarbe eines Menschen mit einer persönlichen Leistung in Verbindung zu bringen, ist nichts weiter als ein Skandal.

Wenn es in diesem Artikel allerdings nur darum gehen sollte hervorzuheben, dass es in Baden-Württemberg noch nie zuvor einen Bürgermeister mit dunklerer Hautfarbe gegeben hat, dann wäre wohl nur die Wortwahl dieses Artikels anzuprangern. Und natürlich, dass der Artikel dann etwas uninteressant und wahrscheinlich sogar falsch ist. Ob es mal einen Bürgermeister mit dunklerer Hautfarbe gab, wäre jedenfalls empirisch leicht zu entscheiden. Zugegebenermaßen hat Herr Ehret die Latte in dieser Kategorie nicht besonders hoch gelegt.

Wenn der Artikel sich aber zur Aufgabe machte, einen immer noch bestehenden Misstand in unserer Gesellschaft zu thematisieren, dann ist die Wortwahl nicht nur schlecht, sondern fatal. Schon allein die Überschrift suggeriert, dass Schwarzsein eine Eigenschaft ist, die Menschen voneinander trennt. Hier die Weißen, da die Schwarzen. Das große Problem dabei ist, dass es einem nicht auffällt. Dabei ist der gefährlichste Rassismus doch der, der einem nicht bewusst ist.

Zum Schluss also noch die kleine Testfrage für den unbewussten Rassisten: wie lange müssen Sie sich in die Sonne legen, um schwarz zu werden?


Die Geschichte des Inders, der auf seinem Fahrrad schlief

Es war einmal ein Inder, der lag auf seinem Fahrrad und schlief. Von was er träumte, ist nicht überliefert. Man weiß nur, dass er dabei gestört wurde. Und dass er mit Unverständnis darauf reagierte. Ein Tourist aus Europa rüttelte ihn wach. Warum er denn schliefe? Mitten im Berufsverkehr. Warum er sich denn keinen Kunden schnappe? Schließlich liefen doch überall potentielle Mitfahrer herum. Selbst hätte man gerne eine Fahrt bis ans Ende der Straße gebucht. Nicht weil man ans Ende der Straße unbedingt müsse. Nur aus Mitgefühl hätte man gehandelt. Einen ganz ärmlichen Eindruck würde er nämlich machen, so dünn und zerlumpt. Dem ganzen Land gehe es da nicht anders, da müsse man einfach mal die Ärmel hochkrempeln, sofern man welche hätte. In der Arbeit, da liege das Wohl begraben. Was denn genau eigentlich das Anliegen sei, wollte der Inder wissen. Einen Rat hätte man ihm erteilen wollen, lautete die Antwort. Was denn genau der Rat sei, fragte der Inder. Ein guter Rat, das wäre er! Schließlich verdiente er gutes Geld, führe er sie ans Ende der Straße. Besten Dank, aber er selbst hätte für heute genug verdient, sagte der Inder. Das sei ja nun doch kein richtiger Grund, bekam er zur Antwort. Das Geld werde ja nicht schlecht, morgen hätte er es immer noch. Was ihm das Geld denn nütze, wenn er es nicht ausgäbe? Der Inder war zugegebenermaßen irritiert. Sparen solle er es! Dann könne er sich vielleicht ein weiteres Fahrrad leisten. Darauf könnte er einen anderen Inder setzen, der fortan noch mehr Geld verdient. Was er denn mit noch mehr Geld wolle, bat der Inder zu erklären. Die Möglichkeiten nutzen! Das läge doch auf der Hand. Mit ein wenig Geschäftssinn könne er es weit bringen. Ein ganzes Fahrradimperium könne er sich erschaffen! Was genau der Sinn hinter dem Imperium wäre, traute sich der Inder noch zu erfahren. Ein Imperium, hieß es, das arbeite von alleine. Da könne er dann endlich auch mal mittags schlafen.